Kerstin Kuntze

Kerstin Kuntze Kunst

„ … and most of all it’s about passion.“

Ich habe mir das nicht ausgesucht. Es war schon immer da.
Das Mädchen hat alles angemalt. Die Wände, das Fahrrad, die Schuhe, Papier und die Haut.
Alle Schultische waren perfekt polarweiß, nur einer nicht – ausufernde Welten, erst brav mit Bleistift gezeichnet, dann zeitfest mit Edding. Kunst war mein wichtigstes Fach und schon das kleine Mädchen wußte, dass es nie aufhören würde zu gestalten.

Kunst ist etwas zutiefst persönliches und reflektiert auch immer den, der sie schafft.

Ich bin eine leidenschaftliche Gestalterin – glühe für das, was ich tue.
Bilder sind meine Sprache.
Kunst oder Graphik wollte ich studieren. An der renommierten Folkwang Universität der Künste in Essen konnte ich beides verbinden.
Bis heute bin ich enorm dankbar, dass ich dort lernen durfte.
Der große Zeichner Professor Otto Näscher und die Werbe-Ikone Professor Vilim Vasata wurden meine wichtigsten Begleiter in dieser Zeit. Als Tutorin hatte ich sie ganz nah an meiner Seite.

Alle Graphiker mussten die Grundlagen der Fotografie erlernen. Für mich war es damals Pflicht und Spiel – ich war eine Zeichnerin. Heute bin ich sehr froh um diese Grundlagen zu wissen – von Vorlesungen über die Geschichte der Fotografie bis zum Arbeiten in der Dunkelkammer. Geprägt hat mich aber ein Satz von Otto Näscher:

Lustvoll der eigenen Entwicklung zuarbeiten.“ Das war schon immer meins. Lust und Leidenschaft sind der Impetus für meine Kunst.

Durch den viel zu frühen Tod meines Vaters musste ich mein Studium selbst finanzieren.

In der Werbung arbeitete ich als Illustratorin und graphische Assistentin.

Nach dem Abschluss als Diplom Designerin mit Prädikatsexamen, ging ich diesen Weg zunächst weiter. In großen Werbeagenturen arbeitete ich als Art-Director. Dort lernte ich viel über Konzeption und durfte mit großartigen Kollegen zusammenwirken. Frustrierend waren in dieser Zeit die oft quälenden Entscheidungsprozesse. So wurde nicht selten aus einer guten Idee eine weichgekochte Kampagne. Damals sehnte ich mich sehr danach, endlich wieder autonom über Idee und Umsetzung zu entscheiden. Endlich wieder frei zu arbeiten.

Zum Glück wurde ich schwanger. Nie wieder würde ich in der Werbung arbeiten.
Dieses Kapitel war beendet. Alles andere wäre nur eine Wiederholung.
Ich wollte zuhause arbeiten. Mutter und Künstlerin sein. Drei wildgute Kinder am Tag und die Kunst in der Nacht. Kinder und Kunst sind gewachsen. Zu den Nächten kommen nun auch die Tage, um an meiner Kunst und Aufträgen zu arbeiten.
Ein Leben, dass ich mir immer gewünscht habe.

Mit den Kindern kam auch die Digitalfotografie in mein Leben. Wir haben uns gleich sehr gut verstanden.  Sie erinnerte mich an meinen Vater und seine Polaroid Kamera. Wie oft hab ich sie mir ausgeliehen, um dieses Sofortgefühl des Gestaltungsakts zu genießen. Sich ein Bild von der Welt zu machen, war  auf einmal ganz einfach.

Digitale Bilder schreien nach Bearbeitung, damit aus einem Abbild etwas Eigenartiges werden kann. Etwas das andere berührt, mitreißt und manchmal auch erschreckt.

Als Künstlerin sollte man seine Gestaltungsmittel beherrschen, also lerne ich jeden Tag weiter. Programme wie Photoshop & Lightroom bieten unendliche Möglichkeiten, die erobert werden wollen. Immer noch bin ich eine Zeichnerin…. arbeite mit dem Stift auf meinem Grafiktablett.
Nebenbei zeichne ich analog in Skizzenbüchern.

Ich liebe das Experiment, erarbeite mir dadurch neue Wege der Bildgestaltung. Sich neu erfinden, neue Wege gehen und voller Lust zu experimentieren, ist das was ich will. Kreation und Destruktion, Lust und Leid, liegen dabei oft ganz nah beieinander.

Das ist Arbeit und nicht immer ein Vergnügen. Kein Tag an dem ich nicht wenigstens an einem Bild laboriert habe. Wie schon anfangs gesagt. Man kann es sich nicht aussuchen, es ist ein steter Drang und natürlich auch eine große Lust, neues zu schaffen.

Form und Inhalt bedingen einander – genauso wie Künstler und Kunst, Leben und Werk.
Mein Thema ist immer das Menschsein. Der Ausdruck von Leben, Lust, Leidenschaft, Sehnsucht und allen Emotionen von leuchtend rot bis tiefschwarz, soll sich in meiner Kunst manifestieren.

 

Es sind drei große Zyklen an denen ich seit langem arbeite. Diese kreisen um die Themen:

Kopf – Konstruktion – Wasser

Schon als Kind habe ich am liebsten Köpfe gezeichnet – anfangs Kopffüßler, bei denen Kopf und Bauch eins waren. Im Grunde bin ich dabei geblieben, zeige das Gesicht als Konzentrat menschlichen Seins. Am Kopf sind die Sinnesorgane angesiedelt, mit denen wir unsere Welt wahrnehmen.

Im Minenspiel können wir die Reaktion auf die Umwelt ablesen.

Ausdruckskunde ist uns angeboren – die Sprache des Gesichts ist unmittelbar und wird von allen Menschen verstanden. Das Gesicht als ausdrucksvoller Spiegel des menschlichen Seins.

Meine Köpfe sind immer auch eine persönliche Zustandsbeschreibung.

Schon lange arbeite ich mit Selbstportraits, die ich verändere – mit Form und Farbe auflade, um aus dem persönlichen Abbild etwas Allgemeingültigeres zu schaffen. Ein Bild der Welt zeigen, dass sich im Kopf spiegelt. Emotionen erkennen, erinnern und wiedererkennen.

Vom klassischen Schwarz-Weiß-Portrait bis hin zur surrealen Übersteigerung versuche ich zu experimentieren – den formal besten Ausdruck für meine Bildideen zu finden. Manchmal spielerisch dahintreibend bis sich etwas entwickelt, manchmal konzeptionell, von klaren Ideen getrieben.

Innerhalb dieses Zyklus entstehen eigene Serien – wie „Die Lust der Lippen“ in der ich den Mund als Lustsymbol zelebriere. Lust, Leidenschaft, Sehnsucht, Sex sind oft Inhalt meiner Werke. Teilweise versteckt und manchmal ganz offen.

So wie das Rot. Es ist ein Symbol für die Lust am Leben, gefüllt mit ungezügelter Glut und wildem Verlangen. Rot ist meine Farbe, auch in Schwarz-Weiß-Bildern. Ich glühe für meine Kunst.

 

In der Serie Konstruktion befasse ich mich mit dem Verhältnis von Mensch und Architektur. Dabei skelettiere ich das Gefundene formal um es dann neu aufzubauen.
Kräftige Farben und Formen verstärken die Wirkung und helfen mir dabei, gestalterische Grenzen zu sprengen.
Hier liebe ich es, dem Gebauten einen Rhythmus zu geben. Oft vibrieren die Bilder – aus dem Starren wird das Bewegliche, das Flüchtige.
So ergeben sich neue Bedeutungsebenen. Eine Hommage an die Zeit – an Zukunft und Vergänglichkeit gleichermassen.

 

Seit mehr als fünf Jahren ist das Thema Wasser sehr prägend für mein Werk.
Die Serie WASSERLUST° / SWIMPOPLOVE° kündet von der LUST SICH ZU VERLIEREN.

Als leidenschaftliche Schwimmerin bin ich nahezu jeden Tag mind. 3.000 m im Wasser. In den letzten drei Jahren bin ich über 2.500 km geschwommen. So entstand 2012 fast zwangsläufig meine Serie °Wasserlust° – hier verbinde ich meine Kunst mit meiner Lust am Schwimmen.

Ich schwimme immer draußen, meist im Freibad, manchmal in Flüssen, Seen oder im Meer. Im vergangenen Jahr habe ich meine Begeisterung für das frische Wasser entdeckt – nun kann ich auch im Januar in der Nordsee bei  3°C schwimmen. Ein sensationelles Gefühl, das süchtig macht und neue Bilder schafft.

Was ich am Schwimmen so liebe, ist die Kraft des Wasser auf meiner Haut – eine Urkraft, die einen das Leben in aller Wucht spüren lässt. Es entstehen Bilder, die das Leben spiegeln – von leisezart bis brutalkraftvoll.
Sie sollen ergreifen, mitreißen, berühren – sowie das Wasser mich berührt.

Oft sind es ganz unspektakuläre Sujets, wie das Ausatmen unter Wasser. Durch das bildhafte Festhalten nur eines Moments bekommt dieser Akt etwas sensationelles.
Vielleicht ist es gerade das, was ich so mag – die Magie der kleinen Augenblicke.
Die Unendlichkeit, die ein Moment in sich tragen kann. Zeitlosigkeit.

 

All meine Werke verbindet die Darstellung der Aggregatzustände des Seins.
Auch in Zukunft freue ich mich aufs erkennen und erkannt werden.
Werde weiter meine Bilderlust in eure Augen reiben.

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